Kapitel 2 – Wer denkt eigentlich in mir, wenn ich mich als Ich oder Wir denke?
Nach sechsundvierzig Jahren begann ich nach und nach zu begreifen, dass ich nicht einfach binär ein Mann bin.
Aber ebenso wenig befand ich mich auf dem Weg, eine binäre Frau zu werden.
Ich bewegte mich nicht von einem eindeutig bestimmten Pol zum anderen. Ich erkannte mich vielmehr in jenem Bereich wieder, den die binäre Ordnung kaum beschreiben kann: in einer nichtbinären Schnittmenge, in der verschiedene Anteile gleichzeitig vorhanden sein dürfen, ohne sich zu einem einzigen eindeutigen Zustand auflösen zu müssen.
Doch wie komme ich von einem singulären Selbstbild, von der Vorstellung einer einzigen klar umrissenen Identität, zu einer nichtsingulären Wahrnehmung meiner selbst?
Ich vermeide dabei bewusst, lediglich von einer binären Identität in eine andere zu wechseln. Denn es wäre zu einfach, „nichtsingulär“ mit „bi“ oder „binär“ gleichzusetzen.
Binär bedeutet nicht bloß, dass mehr als ein Zustand existiert.
Binär bedeutet, dass genau zwei Zustände vorgesehen sind.
Null oder eins.
Mann oder Frau.
Das eine oder das andere.
Innerhalb eines solchen Systems kann ein Mensch zwar den Zustand wechseln, doch jeder Zustand bleibt für sich singulär und eindeutig. Auch eine Transition von einem Pol zum anderen verlässt das binäre System nicht zwangsläufig. Sie verändert zunächst die Position innerhalb dieses Systems.
Genau das beschreibt mich jedoch nicht.
Ich bin nicht einfach von der Null zur Eins gewechselt.
Ich habe vielmehr erkannt, dass ich mich nicht vollständig in einer Ordnung wiederfinde, die nur Null und Eins kennt.
Aber was bedeutet es dann, wenn ich von mir als einem Wir spreche?
Bedeutet es, dass ich Stimmen höre? Dass mehrere voneinander getrennte Persönlichkeiten in mir leben? Dass mein Erleben Ausdruck einer psychiatrischen Erkrankung wäre?
Nein.
Mein Wir ist keine dissoziative Identitätsstörung. Es besteht nicht aus voneinander abgeschotteten Persönlichkeitszuständen, die abwechselnd die Kontrolle übernehmen und deren Erleben oder Erinnerungen voneinander getrennt wären.
Ich verliere mich nicht an ein fremdes Gegenüber in mir.
Ich nehme mich vielmehr gleichzeitig aus mehreren Richtungen wahr.
Das Wir, von dem ich spreche, ist keine Krankheit und keine überhöhte Selbstwahrnehmung. Es ist der Versuch, eine innere Vielschichtigkeit sprachlich zu erfassen, für die das gewöhnliche „Ich“ manchmal zu eng geworden ist.
Ich bin ein Wir, weil ich neurospicy bin.
Weil ich queer bin.
Weil ich nicht aus einem einzigen, widerspruchsfreien Kern bestehe, sondern aus einer Vielzahl von Erfahrungen, Rollen, Prägungen, Körperempfindungen, Bedürfnissen, Erinnerungen und Denkbewegungen.
Ich bin die Summe vieler Einzelteile.
Doch selbst „Summe“ greift zu kurz. Diese Teile werden nicht einfach addiert und ergeben anschließend ein glattes Ganzes. Sie stehen miteinander in Beziehung. Sie verstärken einander, widersprechen sich, verändern ihre Bedeutung und treten je nach Situation unterschiedlich deutlich hervor.
In mir verlaufen häufig mehrere Gedankengänge gleichzeitig.
Ich kann eine Situation emotional erfassen und sie zugleich analytisch zerlegen. Ich kann einen Menschen verstehen und dennoch sein Verhalten ablehnen. Ich kann Schutz suchen und gleichzeitig Freiheit verlangen. Ich kann eine Rolle beherrschen und dennoch wissen, dass sie mich nicht vollständig beschreibt.
Diese inneren Bewegungen sind nicht bloß zwei gegensätzliche Stimmen.
Sie sind ein Geflecht.
Manche Gedanken sprechen aus Erfahrung.
Andere aus Angst.
Manche aus Logik.
Andere aus Mitgefühl, Erinnerung, Körperwissen oder einem zunächst kaum erklärbaren Unbehagen, das erst später zu einer erkennbaren Analyse wird.
Sie alle gehören zu mir.
Und gerade weil sie zu mir gehören, muss keiner dieser Gedanken allein bestimmen, wer ich bin.
Der innere Rat tagt zum Thema Toast
Wie dieses innere Wir arbeitet, zeigt sich manchmal an den banalsten Entscheidungen.
Es ist spät geworden. Ich habe den halben Tag kaum etwas gegessen und zuletzt vier Stunden am Stück am MacBook gearbeitet. Im Tunnel habe ich die Signale meines Körpers weitgehend ignoriert.
Der vorsichtige, kontrollierende Teil in mir sagt:
Du solltest jetzt besser nur eine Scheibe Toast mit Käse essen.
Sofort schießt ein anderer Teil dazwischen:
Boah, Alter, ich hab sooooo einen Hunger! Geil, da drüben ist ja noch Nutella. Fuuuck, das brauchst du jetzt, weil die letzten Stunden brutal waren! Hey, der Toaster fasst zwei Scheiben. Was soll der Geiz?!
Dann meldet sich ein dritter Teil.
Der klingt vernünftig, kennt aber im Gegensatz zum ersten auch die tatsächliche Versorgungslage:
Dein Hunger ist real. Du hattest heute nur zwei kleine Mahlzeiten. Es ist spät, und du hast vier Stunden am Stück am MacBook gearbeitet. Durch deinen Tunnel hast du die körperlichen Zeichen ignoriert.
Eigentlich wären sogar vier Scheiben in Ordnung.
Aber besser nicht alle vier direkt nacheinander hineinschaufeln.
Also einigt euch: Erst zwei mit Käse. Dann ungefähr fünfzehn Minuten Pause. Leg dir die anderen beiden schon bereit. Merkst du danach, dass die ersten nicht gereicht haben, machst du dir die nächsten zwei mit Nutella.
Das klingt vernünftig.
Es ist kein Verzicht.
Es ist kein Kontrollverlust.
Es ist ein ausgehandelter Plan.
Der vorsichtige Teil bekommt zunächst seinen Käse. Der erschöpfte und genussorientierte Teil erhält die Aussicht auf Nutella. Der analytische Teil hat die tatsächliche körperliche Lage berücksichtigt und einen Kompromiss moderiert.
Mein Magen stimmt dem Antrag knurrend zu.
Zwei Stunden später kommt meine Frau nach Hause, geht in die Küche und ruft:
„Äh, hast du die Toastscheiben vergessen, oder sind die für mich?“
Vergessen hatte ich sie nicht einfach.
Mein ADHS hatte inzwischen nur etwas anderes gefunden, das schneller, neuer oder interessanter Dopamin versprach als Nutella.
Der innere Rat hatte einen vernünftigen Beschluss gefasst.
Aber die Aufmerksamkeit hatte längst die Sitzung verlassen.
Ordnung im Mikrochaos
Dieses innere Wir zeigt sich bei mir jedoch nicht nur in kurzfristigen Verhandlungen zwischen Hunger, Vernunft, Genuss, Körpergefühl und Aufmerksamkeit.
Es prägt auch die Art, wie ich meinen Alltag organisiere – oder daran scheitere, ihn so zu organisieren, wie ein anderer Teil von mir es dringend braucht.
Ich will eine feste Ordnung haben.
Neben meinem festen Platz auf der Couch befindet sich die Ablage für meine häufig genutzten mobilen Computer: MacBook, iPad und das passende Zubehör. Alles soll dort seinen festen Platz haben.
Das ist mein autistischer Anteil.
Doch ein Blick auf diese Ablage entlarvt sofort andere Kräfte in mir: ADHS, Impulsivität, wechselnde Aufmerksamkeit und die Gewohnheit, etwas genau dort abzulegen, wo meine Hand es in diesem Moment gerade loslassen will.
Dort herrscht scheinbar pures Chaos.
Auf engstem Raum wechseln Dinge ständig ihre Position. Kabel, Stifte, Adapter und Geräte verschwinden in einem Mikrochaos, das für andere vielleicht harmlos aussieht, mich aber regelmäßig zur Verzweiflung bringt.
Mit Schubladen ist es ähnlich.
Bestimmte Dinge lege ich beinahe zwanghaft immer in dieselbe Schublade. Wehe, jemand tauscht in meiner Abwesenheit den Schrank, das Regal oder die Schubladen aus. Dann kann ich extrem unangenehm werden, weil eine innere Ordnung zerstört wurde, auf die ich mich verlassen habe.
Gleichzeitig hört man mich regelmäßig zetern, fluchen und schimpfen, weil ich im inneren Universum genau dieser Schublade nicht finde, was ich doch erst vor einer halben Stunde dort hineingelegt hatte.
Aber auch hier stehen sich nicht einfach nur Autismus und ADHS wie zwei Gegner gegenüber.
Ein Teil verlangt feste Orte.
Ein anderer legt impulsiv ab.
Ein dritter versucht, die letzte Handlung zu rekonstruieren.
Ein vierter sucht das sichtbare Feld systematisch ab.
Ein fünfter gerät unter Zeitdruck zunehmend in Wut.
Ein weiterer zweifelt daran, dass der gesuchte Gegenstand überhaupt dort liegt, obwohl ich ganz genau zu wissen glaube, dass ich ihn dort abgelegt habe.
Und noch einer beobachtet das ganze Schauspiel und fragt sich fassungslos, wie ein Gegenstand innerhalb von dreißig Minuten im Universum einer einzigen Schublade verschwinden konnte.
Mein inneres Wir besteht nicht aus zwei Polen.
Es bildet wechselnde Allianzen.
Während ich noch zwischen Schublade, Ablage und der Rekonstruktion meiner letzten Handgriffe kämpfe, ruft meine Frau aus dem Off ihres Arbeitszimmers:
„Schatz, telefonierst du gerade? Oder mit wem streitest du dich da?“
Uff.
Fuck.
Haben meine inneren Teile gerade unbemerkt auch noch die Steuerung über Teile meines Körpers übernommen? Hat einer von ihnen beschlossen, dass die interne Debatte nicht länger intern bleiben müsse, und einfach Teile davon laut ausgesprochen?
Offenbar ja.
Als Antwort entfleucht mir ein irres Kichern.
Zumindest bezeichnet meine Frau es so.
Meine innere Regierung hatte offenbar nicht nur vergessen, das Mikrofon auszuschalten. Sie hatte auch keine abgestimmte Presseerklärung vorbereitet.
Ein Teil suchte.
Einer erinnerte.
Einer zweifelte an der Erinnerung.
Einer kommentierte das Scheitern.
Einer fluchte.
Und ein weiterer fand die gesamte Situation plötzlich so absurd, dass er lachte, bevor ich überhaupt entschieden hatte, wie ich auf die Frage meiner Frau antworten wollte.
Nicht eine fremde Persönlichkeit hatte meinen Mund oder meinen Körper übernommen.
Aber Denken, Selbstgespräch, Frust, Sprache und körperliche Reaktion sind bei mir manchmal so eng miteinander verschaltet, dass die Grenze zwischen innen und außen kurz durchlässig wird.
Mein inneres Wir war in diesem Moment schneller als mein bewusstes Ich.
Ein vielschichtiges Selbst
Vielleicht ist das singuläre Ich weniger eindeutig, als unsere Sprache vermuten lässt.
Vielleicht sagt jeder Mensch „ich“, obwohl in diesem Wort bereits zahllose Einflüsse, Beziehungen, Bedürfnisse, Erinnerungen und innere Bewegungen zusammenkommen.
Bei mir ist diese Vielstimmigkeit besonders deutlich wahrnehmbar.
Nicht als Stimmenhören.
Nicht als Aufspaltung.
Nicht als Mehrzahl voneinander getrennter Personen.
Sondern als bewusstes Erleben mehrerer gleichzeitig vorhandener Perspektiven innerhalb eines zusammenhängenden Selbst.
Mein Wir ist deshalb kein Plural verschiedener Persönlichkeiten.
Es ist die grammatische Form eines vielschichtigen Selbst.
Eines Selbst, das nicht länger so tun möchte, als müsse immer nur ein Gedanke, ein Geschlecht, eine Rolle, ein Bedürfnis oder eine Wahrheit zur selben Zeit existieren.
Ich bin nicht entweder Mann oder Frau.
Ich bin nicht entweder rational oder emotional.
Ich bin nicht entweder stark oder verletzlich.
Ich bin nicht entweder autonom oder verbunden.
Und in mir streiten auch nicht bloß zwei eindeutig voneinander getrennte Gegensätze um die Herrschaft.
Es verhandeln viele.
Sie bilden Koalitionen, verlieren Mehrheiten, ändern ihre Positionen, reagieren auf neue Reize und werden manchmal vom Körper überstimmt.
Einige planen.
Andere verlangen.
Einige warnen.
Andere locken.
Einige erinnern sich.
Andere zweifeln an der Erinnerung.
Und manchmal verlässt die Aufmerksamkeit einfach die Sitzung, während der ausgehandelte Plan in der Küche liegen bleibt.
Vielleicht ist genau das der Quantennebel meiner Identität:
Nicht die Abwesenheit eines Selbst.
Sondern ein Selbst, das sich nicht auf einen einzigen klar messbaren Zustand reduzieren lässt.
Kein starres Ich, das von einem zentralen Kontrollraum aus jede Regung beherrscht.
Sondern ein lebendiges inneres System, dessen Teile sich widersprechen, ergänzen, korrigieren und gemeinsam etwas hervorbringen, das sich nach außen als eine Person bewegt.
Als ich.
Als wir.
Und damit stellt sich die nächste Frage:
Wer entscheidet in diesem inneren Wir, welcher Gedanke gerade zu meinem Ich wird?


