Warum ich die TECC-Provider Qualifikation machte
Ich werde gefragt, warum ich eigentlich den TECC-Provider-Kurs gemacht habe.
Die Antwort ist ziemlich einfach:
Nicht, weil ich Rettungssanitäter werden möchte. <vielleicht später mal. Nicht, weil ich ins BOS-System wechseln will. Und auch nicht, weil ich plötzlich auf Militär oder “Tactical” besonders stehen würde. Die Ausrüstung und Kleidung ist durchaus sehr nützlich auf Reise offgrid der modernen Zivilisation.
Der eigentliche Grund liegt in meinem Leben der letzten Jahre.
Auf meinen inzwischen teils mehrmonatigen Reisen war ich immer häufiger alleine unterwegs, später auch zusammen mit meiner Frau. Nicht auf Campingplätzen mit Schranke und Animation, sondern draußen. In Frankreich, Spanien, Polen, Slowakei, Rumänien, in den Karpaten, auf Feldwegen, Schotterpisten, abgelegenen Waldgebieten und Regionen ohne Mobilfunk, in denen ein Rettungswagen eben nicht nach sieben oder zwölf Minuten neben dem Jeep steht, denn sie kämen gar nicht so leicht oder gar nicht bis zu mir.
Sondern vielleicht erst nach einer Stunde. Vielleicht sogar noch später.
Irgendwann habe ich aufgehört darüber nachzudenken, wie oft wir einfach nur Glück hatten.
2025 in Rumänien habe ich irgendwann aufgehört an den Fingern abzuzählen, wie viele Nahtoderfahrungen ich alleine im Straßenverkehr erlebt hatte. Im Hochsommer schien die Hitze manche Fahrer regelrecht lebensmüde werden zu lassen. Wie oft es extrem eng wurde und nur eine blitzschnelle Reaktion einen Unfall verhindert hat, war ehrlich gesagt irre.
Aber auch abseits der Straßen gab es Situationen.
Mit dem Jeep auf Feldwegen. Auf Geröll. In Schlamm. An steilen Abhängen. Mehrfach war es am Ende eher meine Vorbereitung, meine Ausrüstung und manchmal schlicht Glück, die verhindert haben, dass aus einem Abenteuer plötzlich ein medizinischer Notfall wurde.
Genau dort begann sich in meinem Kopf eine Frage festzusetzen.
Was passiert eigentlich, wenn das Glück irgendwann aufgebraucht ist?
Viele denken bei solchen Situationen zuerst an Reisen.
Ich inzwischen gar nicht mehr.
Denn auch wenn ich zuhause bin und mit der U-Bahn oder S-Bahn durch Hamburg fahre, bewege ich mich täglich durch Bahnhöfe und Stadtteile, in denen jederzeit etwas passieren kann. Drogen. Psychische Ausnahmesituationen. Gewalt. Messer. Verkehrsunfälle.
Ich laufe schon immer ziemlich aufmerksam durch meine Umgebung.
Nicht aus Angst.
Sondern weil mein Kopf ständig Muster erkennt und bewertet. Wer wirkt aggressiv? Wo könnte ich ausweichen? Welche Dynamik baut sich gerade auf?
Dieses Denken begleitet mich schon mein ganzes Leben.
Nur eines fehlte bisher:
Ich konnte Gefahren oft erkennen, aber ich war medizinisch nicht darauf vorbereitet, danach wirklich helfen zu können.
Natürlich hatte ich einen aktuellen Erste-Hilfe-Kurs beim DRK absolviert.
Der ist wichtig.
Aber er bereitet einen auf andere Situationen vor.
Dort lernt man in ruhiger Umgebung Verbände anzulegen, Pflaster zu kleben oder stabile Seitenlage.
Das ist vollkommen wichtig und richtig.
Nur hilft mir dieses Wissen nicht besonders viel, wenn jemand neben mir innerhalb weniger Minuten an einer massiven Blutung sterben könnte und professionelle Hilfe schlicht noch nicht da ist.
Genau diese ersten Minuten entscheiden manchmal über Leben oder Tod.
Und genau für diese Minuten wurde TECC entwickelt.
Der Kurs hat mir deshalb nicht nur medizinische Techniken vermittelt.
Er hat meine Denkweise verändert.
Plötzlich geht es nicht mehr darum, möglichst perfekt Erste Hilfe zu leisten, so wie es der Gesetzgeber es verlangt.
Sondern zuerst die Lage zu beurteilen.
Bin ich überhaupt sicher?
Kann ich helfen, ohne selbst zum nächsten Patienten zu werden?
Welche Verletzung tötet zuerst?
Was muss genau jetzt passieren – und was kann warten?
MARCH ist dabei weit mehr als eine Eselsbrücke.
Es ist eine Methode, in einer hochdynamischen Lage das Chaos wieder in eine Reihenfolge zu bringen.
Vielleicht hat mich genau das so fasziniert, denn eigentlich mache ich beruflich nichts anderes.
Als JournalistIn sammle ich analytisch Muster.
Ich versuche Ordnung in komplexe Zusammenhänge zu bringen.
Ich analysiere Dynamiken.
Ich suche nach dem, was andere übersehen.
TECC macht im Grunde genau dasselbe, nur unter Zeitdruck in hochkomplexer maximal stressiger Lage!
Und mit dem Unterschied, dass Fehler nicht nur schlechte Analysen produzieren können, sondern Menschenleben kosten!
Ich weiß nicht, wohin mich meine Reisen in den nächsten Jahren führen werden.
Vielleicht wieder nach Rumänien und oder in andere Balkan-Länder.
Vielleicht nach Nord- und Westafrika.
Vielleicht bleibe ich auch häufiger in Deutschland unterwegs.
Aber eines weiß ich heute sicher:
Ich hoffe weiterhin, seltenst in eine Lage zu geraten, in der ich dieses Wissen wirklich anwenden muss.
Ja, ich bin ausgerüstet, wie ich es für meine Pflicht halte in Respekt auf mein TECC-Provider Patch. Kleines IFAK, BW Dreieckstuch und zusätzliche Tourniquets im Slingbag und im Jeep einen flachen aber angehend vollständig gefüllten TECC-Rucksack.
Aber falls dieser Tag doch kommt, möchte ich nicht mehr der Mensch sein, der nur danebensteht und denkt:
“Ich wünschte, ich hätte mich damals besser vorbereitet.”


